Prämien
Pass gegen Geld: Was ein gekaufter Zweitpass taugt — und was nicht
Ab 90.000 Dollar gibt es eine zweite Staatsbürgerschaft, in wenigen Monaten, ohne je hinzufahren. Für einen deutschen Pass ist das ein schlechtes Geschäft. Warum es trotzdem Menschen gibt, für die es sich rechnet — und was gerade dagegen läuft.
Worum es hier geht
Auf dieser Stufe wird nichts mehr angelegt und nichts abgewartet. Du überweist einen Betrag in einen Staatsfonds, durchläufst eine Prüfung, und nach ein paar Monaten bist du Staatsbürger eines Landes, in dem du nie warst. Rund achtzig Staaten kennen solche Wege, ein knappes Dutzend betreibt sie im großen Stil.
Für einen Leser aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz ist der Ausgangspunkt ein anderer als für die meisten Kunden dieser Programme. Du hast bereits einen der stärksten Pässe der Welt. Du kaufst also nichts, was du nicht schon hättest — jedenfalls nicht beim Reisen.
Was es kostet und wo
Fünf Staaten der Ostkaribik bilden den Kern: Dominica, Antigua und Barbuda, Grenada, St. Lucia sowie St. Kitts und Nevis. Seit dem 1. Juli 2024 haben sie sich auf eine gemeinsame Untergrenze von 200.000 Dollar verständigt — vorher unterboten sie sich gegenseitig bis auf 100.000. Dominica liegt bei 200.000, St. Kitts bei 250.000, die anderen dazwischen. Über Immobilien statt Spende liegt der Einstieg zwischen 200.000 und 325.000 Dollar, mit Haltefrist.
Außerhalb der Karibik ist es billiger. São Tomé und Príncipe verlangt seit August 2025 ab 90.000 Dollar. Nauru ruft im Regelfall 105.000 bis 120.000 Dollar auf, mit zeitweisen Aktionspreisen darunter. Vanuatu liegt bei rund 130.000 Dollar und ist mit ein bis zwei Monaten das schnellste Verfahren überhaupt.
Zu allen Beträgen kommen Prüfgebühren je Person, Anwalt und Passgebühren. In keinem dieser Länder kannst du selbst einen Antrag stellen — es geht ausschließlich über zugelassene Agenten, und deren Honorar steht in keiner Preisliste.
Was gerade dagegen läuft
Das ist der eigentliche Stoff dieses Themas, denn hier bewegt sich mehr als bei den anderen beiden Stufen zusammen.
In Europa ist die Tür weitgehend zu. Der Europäische Gerichtshof hat Maltas Verkauf der Staatsbürgerschaft am 29. April 2025 für unvereinbar mit EU-Recht erklärt — damit gibt es in der EU keinen käuflichen Pass mehr. Vanuatus Visafreiheit für den Schengen-Raum wurde im Dezember 2024 dauerhaft gestrichen, Großbritannien hatte sie schon im Juli 2023 entzogen. Und seit 2026 nennt das neue EU-Regelwerk zur Aussetzung der Visafreiheit Investorenpässe ausdrücklich als Grund; damit stehen auch die fünf Karibikstaaten unter Beobachtung.
Die USA sind härter vorgegangen. Zum 1. Januar 2026 wurden Dominica sowie Antigua und Barbuda auf eine Liste der Einreisebeschränkungen gesetzt, begründet ausdrücklich mit den Investorenprogrammen: Wer aus einem gesperrten Land stammt, könnte sich einen zweiten Pass kaufen und die Sperre umgehen. Ein pauschales Einreiseverbot ist das nicht — betroffen sind Neuanträge für Touristen-, Geschäfts-, Studenten- und Einwanderungsvisa. Ausgenommen sind unter anderem Green-Card-Inhaber und Doppelstaatler, die mit dem anderen Pass reisen. Die Visagültigkeit für beide Länder wurde von zehn Jahren auf drei Monate gekürzt. St. Kitts, St. Lucia und Grenada sind bei denselben Programmen nicht betroffen.
Die Karibikstaaten reagieren. Alle fünf führen eine Mindestanwesenheit von 30 Tagen ein, überwacht von einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde. Der Satz „ohne je hinzufahren" stimmt also bald nicht mehr.
Der Satz, den man sich merken sollte
Was ein Staat verkauft, kann ein anderer entwerten.
Die Reisefreiheit eines gekauften Passes ist kein Besitz, sondern eine Erlaubnis — erteilt von Regierungen, die du nicht wählst, und jederzeit widerrufbar. Vanuatu hat es vorgemacht, Antigua und Dominica haben es gerade erlebt. Wer 130.000 Dollar für die europäische Visafreiheit gezahlt hat, hat sie im Dezember 2024 verloren, ohne dass irgendjemand ihn gefragt hätte.
Es kommt schlimmer: Auch der Pass selbst ist nicht sicher. Vanuatus Staatsbürgerschaftskommission hat rund dreißig rechtswidrig erteilte Staatsbürgerschaften wieder eingezogen und warnt auf der eigenen Seite vor gefälschten Anbieterseiten. Und in São Tomé betreibt nicht der Staat das Programm, sondern eine Firma in Dubai, die es per Zehnjahresvertrag exklusiv abwickelt und 44 Prozent der Einnahmen behält; die Opposition wirft der Regierung vor, das Dekret ohne Parlament erlassen zu haben, und will es aufheben.
Für wen es sich trotzdem rechnet
Nicht für den Urlaub. Der deutsche Pass ist beim Reisen jedem dieser Pässe überlegen, und Deutschland lässt Mehrfachstaatsangehörigkeit seit Juni 2024 ohnehin zu — ein Verzicht ist also nicht nötig. Für Österreich und die Schweiz gelten eigene, strengere Regeln, das gehört vorher geprüft.
Der Wert liegt woanders: Es ist ein Rückfallanker. Ein Ort, an dem man ohne Visum bleiben darf, wenn es zu Hause eng wird. Ein Bankkonto, das nicht an einer einzigen Staatsangehörigkeit hängt. Eine zweite Tür für den Fall, dass die erste klemmt. Wer 200.000 Dollar dafür übrig hat, kauft eine Versicherung, deren Wert er hoffentlich nie braucht.
Das ist eine legitime Überlegung. Sie sollte nur so genannt werden — und nicht als Reisevorteil verkauft, den man nicht bekommt.
Wenn du es ernsthaft erwägst
Prüfe zuerst, was der Pass heute wirklich öffnet, nicht was die Werbeseite von vor zwei Jahren verspricht. Rechne die Nebenkosten dazu: Prüfgebühren je Person, Agent, Anwalt, Passgebühren. Und such die amtliche Stelle — jedes dieser Länder hat eine, und sie ist bei jedem Eintrag in der Übersicht verlinkt. Alles andere im Netz sind Vermittler, die am Abschluss verdienen.
Und dann stell dir die Frage, die am Ende zählt: Was genau soll dieser Pass können, das deiner nicht kann? Wenn dir darauf nichts einfällt, ist die Antwort schon da.