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🇮🇹 Italien

Abruzzen (Abruzzo)

Abruzzen (Abruzzo)

Abruzzen ist die Region, die viele auf der Italien-Karte übersehen – und genau das ist ihr Vorteil. Sie liegt östlich von Rom, zwischen dem Apennin-Hauptkamm und der Adria, und packt auf gut 10.800 Quadratkilometer eine Bandbreite, für die andere Länder drei Regionen brauchen.

Im Westen die Berge: der Gran Sasso mit dem Corno Grande, mit rund 2.910 Metern der höchste Gipfel des gesamten Apennin. Die Hochebene von Campo Imperatore, die man das "kleine Tibet" nennt – weite Grasflächen, Schafherden, kaum ein Haus. Dahinter die Majella, ein Massiv voller Einsiedeleien und Schluchten. Dazwischen der Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise, Italiens ältester, in dem der Marsische Braunbär überlebt hat – eine Unterart, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Im Osten die Küste: gut 130 Kilometer Adria, breite Sandstrände im Norden um Giulianova und Roseto, im Süden die Costa dei Trabocchi mit ihren hölzernen Fischerkonstruktionen, die wie Spinnenbeine ins Meer ragen. Die alte Bahntrasse dort ist heute ein Radweg direkt am Wasser.

Und dazwischen: Dörfer. Sehr viele Dörfer, viele davon halb leer. Das ist die ehrliche Seite. Die Abwanderung aus dem Inland hält seit Jahrzehnten an, junge Leute gehen nach Rom oder Mailand. Für dich als Auswanderer bedeutet das billige Häuser und echte Ruhe – aber eben auch dünne Infrastruktur, weniger Ärzte, weniger Busse, weniger von allem. Wer im Bergland kauft, braucht ein Auto, ohne Wenn und Aber.

Verwaltet wird die Region von vier Provinzen: L'Aquila im Bergland, Teramo im Norden, Pescara in der Mitte, Chieti im Süden. Hauptstadt ist L'Aquila, aber die größte Stadt und der eigentliche Verkehrsknoten ist Pescara – mit Flughafen, Fähre nach Kroatien und der Autobahn nach Rom.

L'Aquila selbst trägt eine Wunde: Das Erdbeben vom 6. April 2009 zerstörte die Altstadt und kostete über 300 Menschen das Leben. Der Wiederaufbau läuft bis heute, das Zentrum ist teils Baustelle, teils wieder wunderschön. Wer sich für Abruzzen interessiert, sollte wissen, dass die gesamte Region seismisch aktiv ist – das ist kein Grund gegen einen Umzug, aber ein Grund, beim Hauskauf genau auf Bausubstanz und Erdbebenertüchtigung zu schauen.

Charakter

Die grünste Region Europas – und die wohl unterschätzteste Italiens. Ein Drittel der Fläche steht unter Naturschutz, drei Nationalparks, Bären und Wölfe leben hier wirklich. Vom Adriastrand bis auf 2.900 Meter in anderthalb Stunden. Rom ist zwei Autostunden entfernt, die Preise liegen bei einem Bruchteil der Toskana.

Klima

Abruzzen hat zwei Klimazonen, und der Unterschied zwischen ihnen ist größer als der zwischen manchen Ländern.

Die Küste ist mediterran geprägt: milde Winter mit Tageswerten meist deutlich über null, warme bis heiße Sommer um die 30 Grad, angenehm durch die Adria-Brise. Schnee fällt selten und bleibt kaum liegen. Wer aus Deutschland kommt, empfindet den Küstenwinter als Erlösung – grau ja, aber nicht kalt.

Das Bergland ist eine andere Welt. Hier herrscht Kontinentalklima mit strengen, langen Wintern und viel Schnee. Auf Campo Imperatore und in den Hochlagen liegt monatelang Schnee, die Skigebiete Roccaraso, Ovindoli und Campo Felice leben davon. In den Dörfern auf 800 bis 1.200 Metern – und das sind sehr viele – bedeutet das: von November bis März geheizt, Winterreifen Pflicht, gelegentlich eingeschneite Straßen. Die Sommer dort sind dagegen herrlich: trocken, warm am Tag, kühl in der Nacht.

Was du beachten solltest, wenn du im Inland ein altes Haus kaufst: Die meisten sind für ein Leben mit Kamin und dicken Wänden gebaut, nicht für Dauerkomfort. Heizkosten und Dämmung gehören in deine Kalkulation, sonst wird der erste Winter zur unangenehmen Überraschung.

Und ein Wort zur Höhe: Wer gesundheitlich eingeschränkt ist oder Kreislaufprobleme hat, sollte bedenken, dass viele der schönen Dörfer auf 700 bis 1.000 Metern liegen. Das ist kein Hochgebirge, aber es ist spürbar.

Budget & Lebenshaltung

Abruzzen gehört zu den günstigsten Regionen Italiens – und das ist der wichtigste einzelne Grund, warum die Region für DACH-Auswanderer so interessant ist.

Immobilien: Im Bergland und in den entvölkerten Dörfern bekommst du sanierungsbedürftige Steinhäuser für Summen, die im deutschsprachigen Raum ein Gebrauchtwagen kosten. Aufwendig sanierte Objekte, ordentliche Wohnungen in Provinzstädten und Häuser mit Grundstück in guter Lage bewegen sich in einem Rahmen, der für die meisten DACH-Käufer erreichbar bleibt. Teuer wird es nur in den Strandorten der Küste und in Pescara – dort ziehen italienische Zweitwohnungskäufer die Preise an.

Aber Vorsicht bei den Schnäppchen: Ein Haus für wenig Geld ist nur dann günstig, wenn die Sanierung kalkulierbar ist. In einer erdbebenaktiven Region ist das keine Kleinigkeit. Statik, Dach, Anschlüsse und Erdbebenertüchtigung fressen schnell ein Vielfaches des Kaufpreises. Lass IMMER vor dem Kauf einen geometra oder ingegnere prüfen – und rechne den Sanierungspreis, nicht den Kaufpreis.

Lebenshaltung liegt unter dem italienischen Durchschnitt und deutlich unter DACH-Niveau: Lebensmittel vom Markt, Wein aus der Genossenschaft, Restaurants zu Preisen, die dich zunächst irritieren werden. Was NICHT billig ist: Strom, Heizung im Bergwinter (viele alte Häuser sind schlecht gedämmt), Auto und Sprit.

Der Steuer-Hebel: Abruzzen gehört zu den acht Mezzogiorno-Regionen, in denen die 7-Prozent-Pauschale für ausländische Renten gilt (Art. 24-ter TUIR). Seit dem 7. April 2026 liegt die Gemeindegrenze bei 30.000 Einwohnern statt bisher 20.000 – dadurch sind auf einen Schlag deutlich mehr Orte in Frage gekommen. Neun Jahre lang zahlst du dann 7 Prozent auf sämtliche ausländischen Einkünfte, nicht nur auf die Rente.

Praktisch heißt das: Die vier Provinzhauptstädte (L'Aquila, Pescara, Chieti, Teramo) sowie Avezzano, Lanciano, Vasto und Montesilvano liegen über der Grenze. Orte wie Sulmona, Ortona, Giulianova, Francavilla al Mare, Silvi oder Città Sant'Angelo liegen darunter – und das gesamte Bergland sowieso. Für die vom Erdbeben 2009 betroffenen Gemeinden gibt es zusätzliche Sonderregeln, deren Auslegung in den Quellen auseinandergeht.

Und damit der wichtigste Satz: Prüfe die aktuelle ISTAT-Einwohnerzahl deiner Wunschgemeinde und die Anwendbarkeit des Regimes VOR dem Umzug mit einem italienischen commercialista. Die Voraussetzung "fünf Jahre nicht in Italien steuerlich ansässig" und der Nachweis des tatsächlichen Lebensmittelpunkts werden von der Agenzia delle Entrate genau geprüft. Eine bloße Anmeldung reicht nicht.

Deutschsprachige Community

Hier muss ich ehrlich sein: Eine große deutschsprachige Gemeinschaft gibt es in Abruzzen nicht. Wer sie sucht, ist in Südtirol, an den oberitalienischen Seen oder in Ligurien besser aufgehoben.

Was es gibt, sind verstreute Einzelne und kleine Grüppchen – vor allem Niederländer, Briten und Belgier, die in den Bergdörfern Häuser gekauft und saniert haben, und einige Deutsche und Österreicher an der Küste. Die Kontakte laufen meist über Facebook-Gruppen zu Abruzzen und über die Nachbarschaft im Dorf selbst, nicht über Vereine.

Das ist kein Nachteil, sondern eine Entscheidung, die du bewusst treffen musst. Die abruzzesische Dorfgemeinschaft nimmt Zugezogene erfahrungsgemäß warm auf – aber die Währung dafür heißt Italienisch. Wer die Sprache lernt, ist nach zwei Jahren dazugehörig. Wer es nicht tut, bleibt für immer der Fremde im Haus am Ortsrand, freundlich gegrüßt und ansonsten außen vor.

Deutschsprachige Ärzte, Anwälte oder Steuerberater sind in Abruzzen dünn gesät. In Pescara und den größeren Küstenstädten findest du am ehesten jemanden, im Bergland praktisch nicht. Rechne damit, dass du für Behördengänge und Arzttermine entweder selbst Italienisch sprichst oder jemanden mitnimmst.

Sehenswürdigkeiten

Gran Sasso und Campo Imperatore – die Hochebene mit ihren weiten Grasflächen, den Schafherden und dem Blick auf den Corno Grande. Über die Seilbahn von Fonte Cerreto oder mit dem Auto über die Passstraße erreichbar. Am oberen Rand liegt der Calderone, einer der südlichsten Gletscherreste Europas, der allerdings stark zurückgegangen ist.

Rocca Calascio – die höchstgelegene Festung des Apennin auf über 1.400 Metern, freistehend über dem Tal, dazu die kleine achteckige Kirche Santa Maria della Pietà davor. Einer der eindrucksvollsten Orte Italiens und trotzdem selten überlaufen.

Santo Stefano di Sessanio – mittelalterliches Steindorf am Fuß des Gran Sasso, aufwendig wiederbelebt, komplett aus dem gleichen grauen Stein gebaut. Wie ein begehbares Museum, aber bewohnt.

Scanno – Bergdorf am gleichnamigen See, berühmt für seine Gassen, seine Silberschmiede und den herzförmigen See von oben gesehen. Hier haben Cartier-Bresson und Giacomelli fotografiert.

Costa dei Trabocchi – die Küste zwischen Ortona und Vasto mit den hölzernen Fischerkonstruktionen auf Stelzen. Einige sind heute Restaurants, in denen du über dem Wasser sitzt. Der Radweg "Via Verde" auf der alten Bahntrasse führt direkt daran entlang.

Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise – Italiens ältester Nationalpark, gegründet 1922. Hier lebt der Marsische Braunbär, dazu Apenninwölfe, Gämsen und Steinadler. Zentrum ist Pescasseroli.

Sulmona – Ovids Geburtsstadt mit einem großartigen mittelalterlichen Aquädukt und der Piazza Garibaldi. Weltbekannt für seine Confetti, die zuckerumhüllten Mandeln, die hier zu Blumensträußen gebunden werden.

Civitella del Tronto – gewaltige Bourbonen-Festung im Norden, eine der größten Europas, mit Blick bis zur Adria.

L'Aquila – die wiederauferstehende Hauptstadt. Die Basilika Santa Maria di Collemaggio ist restauriert und wieder zugänglich, der Brunnen der 99 Röhren ebenso. Die Stadt ist eine Mischung aus Baustelle und Schönheit – und gerade darin ergreifend.

Grotte di Stiffe – Höhlensystem mit unterirdischem Wasserfall, gut erschlossen und auch bei Hitze eine Option.

Feste & Traditionen

Perdonanza Celestiniana in L'Aquila (28./29. August) – das älteste Ablassfest der Christenheit, gestiftet 1294 von Papst Coelestin V. Seit 2019 UNESCO-Weltkulturerbe. Ein historischer Zug in mittelalterlichen Gewändern zieht zur Basilika Collemaggio, deren Heilige Pforte für 24 Stunden geöffnet wird.

Transhumanz – der jahrhundertealte Viehtrieb über die tratturi, die breiten Graswege zwischen Abruzzen und Apulien. Ebenfalls UNESCO-Kulturerbe. Die Wege sind noch da und teils begehbar, einzelne Herden ziehen weiterhin.

Festa dei Serpari in Cocullo (1. Mai) – das Schlangenfest. Die Statue des heiligen Dominikus wird mit lebenden, ungiftigen Schlangen behängt durchs Dorf getragen. Uralt, vorchristlich in den Wurzeln, und ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

Giostra Cavalleresca di Sulmona (Ende Juli) – Ritterturnier in Renaissance-Kostümen auf der Piazza Garibaldi, mit den Stadtvierteln als Wettbewerbern.

Karwoche in Chieti – eine der ältesten Prozessionen Italiens, mit dem Miserere-Chor und Hunderten Musikern durch die nächtliche Stadt. Ergreifend, auch für Nicht-Gläubige.

Und das Alltäglichste, aber vielleicht Wichtigste: die sagra. In fast jedem Dorf gibt es im Sommer ein Fest rund um ein einziges Produkt – Arrosticini, Trüffel, Käse, Wein, Kastanien. Lange Tische, Blaskapelle, das halbe Dorf. Wer dort hingeht und mitisst, kommt in Abruzzen schneller an als über jede Anmeldung.

Wirtschaft & Chancen

Abruzzen ist wirtschaftlich zweigeteilt. Entlang der Küste und der Autobahnachse Pescara–Chieti liegt echte Industrie: Automobilzulieferer, Pharma, Lebensmittelverarbeitung, dazu der Hafen und der Flughafen Pescara. Hier gibt es Arbeitsplätze im klassischen Sinn – allerdings auf Italienisch und zu italienischen Gehältern, die deutlich unter dem liegen, was du aus dem DACH-Raum kennst.

Im Bergland sieht es anders aus. Dort trägt sich die Wirtschaft über Landwirtschaft, Tourismus und Handwerk. Wein ist ein Schwergewicht: Montepulciano d'Abruzzo ist der bekannteste Rote, dazu Trebbiano, der Rosé Cerasuolo und der zunehmend gefragte Pecorino als Weißwein. Safran aus der Ebene von Navelli, Nudeln aus Fara San Martino, Konfekt aus Sulmona, Schafskäse und die berühmten Arrosticini-Spieße vom Hammel – das sind keine Folklore-Nischen, sondern echte Exportprodukte.

Realistische Wege für dich als Zuwanderer:
Tourismus ist der naheliegendste. Deutschsprachige Gäste sind in Abruzzen unterrepräsentiert, obwohl die Region alles hat, was sie suchen – Berge, Meer, Natur, Preise. Wer ein Agriturismo, ein B&B oder geführte Wander- und Radtouren aufbaut und die deutschsprachige Zielgruppe direkt anspricht, sitzt in einer wenig besetzten Nische. Die Costa dei Trabocchi mit ihrem Radweg zieht seit einigen Jahren spürbar an.

Ortsunabhängiges Arbeiten funktioniert an der Küste gut, im Bergland musst du die Internetverbindung vorher konkret prüfen – nicht der Werbung des Anbieters glauben, sondern vor Ort testen. Es gibt Täler mit Glasfaser und Nachbartäler mit Funklöchern.

Immobilien-Instandsetzung ist ein Feld, das sich fast von selbst ergibt: Es stehen unzählige Steinhäuser leer, und wer handwerklich kann oder ein gutes Netz an Handwerkern hat, findet Nachfrage – auch von anderen Zugezogenen.

Was NICHT funktioniert: darauf zu hoffen, als Angestellter ohne fließendes Italienisch einen Job zu finden. Das ist im Bergland praktisch aussichtslos und an der Küste sehr schwer. Wer nicht von Rente, Erspartem oder eigenem Geschäft lebt, sollte Abruzzen sehr nüchtern prüfen.

Tipp

Perdonanza Celestiniana in L'Aquila (28./29. August) – das älteste Ablassfest der Christenheit, gestiftet 1294 von Papst Coelestin V. Seit 2019 UNESCO-Weltkulturerbe. Ein historischer Zug in mittelalterlichen Gewändern zieht zur Basilika Collemaggio, deren Heilige Pforte für 24 Stunden geöffnet wird.

Transhumanz – der jahrhundertealte Viehtrieb über die tratturi, die breiten Graswege zwischen Abruzzen und Apulien. Ebenfalls UNESCO-Kulturerbe. Die Wege sind noch da und teils begehbar, einzelne Herden ziehen weiterhin.

Festa dei Serpari in Cocullo (1. Mai) – das Schlangenfest. Die Statue des heiligen Dominikus wird mit lebenden, ungiftigen Schlangen behängt durchs Dorf getragen. Uralt, vorchristlich in den Wurzeln, und ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

Giostra Cavalleresca di Sulmona (Ende Juli) – Ritterturnier in Renaissance-Kostümen auf der Piazza Garibaldi, mit den Stadtvierteln als Wettbewerbern.

Karwoche in Chieti – eine der ältesten Prozessionen Italiens, mit dem Miserere-Chor und Hunderten Musikern durch die nächtliche Stadt. Ergreifend, auch für Nicht-Gläubige.

Und das Alltäglichste, aber vielleicht Wichtigste: die sagra. In fast jedem Dorf gibt es im Sommer ein Fest rund um ein einziges Produkt – Arrosticini, Trüffel, Käse, Wein, Kastanien. Lange Tische, Blaskapelle, das halbe Dorf. Wer dort hingeht und mitisst, kommt in Abruzzen schneller an als über jede Anmeldung.