Steuern und Finanzen
Steuern und Finanzen in Chile: Drei geschenkte Jahre — und was danach kommt
Chile besteuert Zugezogene in den ersten drei Jahren nur auf chilenische Einkünfte — auf Antrag werden sechs Jahre daraus. Zugleich gibt es zwischen Deutschland und Chile kein Doppelbesteuerungsabkommen, während die Schweiz und Österreich eines haben. Was das für deine deutsche Rente bedeutet, ab wann Chile dich als ansässig ansieht und warum Mieten dort in einer Recheneinheit vereinbart werden.
Chile hat für Zugezogene eine Regel, die es sonst kaum irgendwo gibt: In den ersten drei Jahren zahlst du hier keine Steuer auf Einkünfte, die aus dem Ausland kommen. Nicht auf Renten, nicht auf Mieten, nicht auf Zinsen oder Dividenden. Und wenn du rechtzeitig einen Antrag stellst, werden aus den drei Jahren sechs.
Das klingt wie ein Geschenk, und in gewisser Weise ist es eines. Nur wird daraus gern der Schluss gezogen, man zahle in dieser Zeit überhaupt keine Steuern. Das stimmt nicht. Denn zwischen Deutschland und Chile fehlt etwas, das für fast alle europäischen Auswanderungsländer selbstverständlich ist.
ES GIBT KEIN DOPPELBESTEUERUNGSABKOMMEN
Deutschland und Chile haben kein Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung. Ein solches Abkommen wurde zwar 2014 unterzeichnet, das Ratifizierungsverfahren ist aber bis heute nicht abgeschlossen — im Verzeichnis des Bundesfinanzministeriums steht Chile unverändert unter den künftigen Abkommen. In Kraft ist zwischen beiden Ländern nur ein Sonderabkommen für Schiff- und Luftfahrtunternehmen.
Für Österreicher und Schweizer sieht es anders aus. Die Schweiz hat mit Chile seit 2010 ein Doppelbesteuerungsabkommen, Österreich seit 2016. Wenn du also in einem Auswandererforum liest, wie jemand seine Steuerfrage in Chile gelöst hat, dann sieh zuerst nach, welchen Pass dieser Jemand hat. Die Antwort gilt nicht automatisch für dich.
WAS DAS FÜR DEINE DEUTSCHE RENTE HEISST
Deine gesetzliche Rente aus Deutschland bleibt in Deutschland steuerpflichtig, auch wenn du in Chile lebst. Du wirst dort beschränkt steuerpflichtig, zuständig ist das Finanzamt Neubrandenburg, und in dieser beschränkten Steuerpflicht steht dir der Grundfreibetrag nicht zu. Es gibt kein Abkommen, das Deutschland dieses Besteuerungsrecht nehmen würde.
Rechne also nicht mit der Steuerlast, die du aus deinem letzten deutschen Bescheid kennst. Wer knapp kalkuliert und die deutsche Steuer für erledigt hält, hat sich um einen dreistelligen Betrag im Monat verrechnet.
DIE DREI JAHRE — UND WIE MAN SECHS DARAUS MACHT
Chile behandelt Zugezogene in den ersten drei Jahren nach dem Territorialprinzip: Besteuert wird nur, was aus chilenischer Quelle stammt. Deine deutsche Rente, deine Mieteinnahmen aus Hamburg, deine Zinsen und Dividenden aus europäischen Depots bleiben in Chile unbesteuert — und zwar auch dann, wenn du das Geld nach Chile überweist und dort ausgibst.
Die Frist zählt ab dem Tag, an dem du in Chile steuerlich ansässig wirst. Auf Antrag beim Servicio de Impuestos Internos, der chilenischen Steuerbehörde, kann sie um weitere drei Jahre verlängert werden. Dieser Antrag ist keine Formsache und er stellt sich nicht von selbst — er gehört rechtzeitig vor Ablauf der ersten drei Jahre auf den Tisch eines chilenischen Steuerberaters.
Ab dem vierten oder siebten Jahr kehrt sich das Bild um: Dann bist du in Chile mit deinem Welteinkommen steuerpflichtig, deine deutsche Rente eingeschlossen. Weil es kein Abkommen gibt, ist eine echte doppelte Besteuerung ab diesem Zeitpunkt möglich. Das ist der Punkt, an dem ein Gespräch beim Steuerberater keine Frage des Komforts mehr ist.
WANN CHILE DICH ALS ANSÄSSIG ANSIEHT
Seit 2020 gilt eine klare Zahl: Wer sich innerhalb eines beliebigen Zeitraums von zwölf Monaten insgesamt mehr als 183 Tage in Chile aufhält, ist steuerlich ansässig. "Insgesamt" heißt: Die Tage werden zusammengezählt, auch wenn du zwischendurch ausreist. Es gibt keine Regel, nach der ein Zwischenflug die Zählung neu beginnen lässt.
[b)DIE STEUERN, DIE DU IM ALLTAG MERKST[/b]
Auf chilenisches Einkommen gilt ein progressiver Tarif, der bei null beginnt und bis vierzig Prozent reicht — das ist der Impuesto Global Complementario. Die Mehrwertsteuer heißt IVA und beträgt einheitlich neunzehn Prozent auf fast alles, auch auf Lebensmittel. Eine Vermögensteuer gibt es nicht. Auf Immobilien wird eine jährliche Grundsteuer erhoben, die "contribuciones de bienes raíces", die vierteljährlich fällig wird.
Wer in Chile selbständig arbeitet oder eine Firma gründet, sollte wissen, dass die Körperschaftsteuer bei siebenundzwanzig Prozent liegt und für kleine und mittlere Unternehmen im begünstigten Regime deutlich darunter. Das ist ein eigenes Thema und gehört in die Hände eines "contador" vor Ort.
ZWEI ZAHLEN, DIE DICH JEDEN TAG BEGLEITEN
Chile rechnet vieles nicht in Pesos, sondern in Recheneinheiten, und das verwirrt am Anfang jeden. Die UF, die "Unidad de Fomento", ist eine an die Inflation gekoppelte Einheit, die täglich neu festgesetzt wird. Mieten, Kaufpreise, Kredite und Versicherungsbeiträge werden fast immer in UF vereinbart und erst bei der Zahlung in Pesos umgerechnet. Die UTM, die "Unidad Tributaria Mensual", wird monatlich festgesetzt und dient für Steuerbeträge, Bußgelder und Gebühren.
Wenn dir also ein Mietvertrag über eine Zahl in UF vorgelegt wird, unterschreibst du keinen festen Betrag, sondern eine an die Inflation gebundene Größe. Das ist in Chile völlig normal — man muss es nur wissen, bevor man unterschreibt.
OHNE RUT GEHT GAR NICHTS
Deine Steuernummer heißt RUT und ist dieselbe Nummer wie deine Personalkennung RUN auf der Identitätskarte. Ohne sie bekommst du kein Bankkonto, keinen Mietvertrag und keinen Mobilfunkvertrag. Dazu kommt die "clave tributaria", dein persönlicher Zugang zum Portal des Servicio de Impuestos Internos, über das in Chile praktisch der gesamte Steuerverkehr läuft.
DAS BANKKONTO IST DIE ERSTE ECHTE HÜRDE
Ein Konto bei einer chilenischen Bank zu bekommen, ist für Neuankömmlinge erfahrungsgemäß schwerer als jeder Behördengang. Die Banken verlangen neben RUT und Identitätskarte in der Regel einen Nachweis regelmäßiger Einkünfte und einen Wohnsitznachweis, und sie entscheiden frei.
Halte dein deutsches, österreichisches oder Schweizer Konto in der ersten Zeit offen. Es ist deine Rückfallebene, wenn die chilenische Bank dich zweimal vertröstet — und es ist ohnehin nötig, solange deine Rente auf ein europäisches Konto läuft.
WAS DU MITNEHMEN SOLLTEST
Die drei steuerfreien Jahre sind ein echter Vorteil, und sie sind ein guter Grund, den Umzug nicht zu zerdehnen. Aber sie sind ein Zeitfenster, kein Dauerzustand. Setz dir zwei Termine in den Kalender: einen ein halbes Jahr vor Ablauf der ersten drei Jahre für den Verlängerungsantrag, und einen zum Ende des sechsten Jahres für die Frage, wie es danach weitergeht.
Und für alles, was mit der deutschen Seite zu tun hat, gilt: Das klärt sich nicht per Ferndiagnose aus einem Forum. Ein Steuerberater, der grenzüberschreitende Fälle kennt, ist hier keine Ausgabe, sondern eine Absicherung.