Ankommen & Alltag
Ankommen und Alltag in Chile: Die once, die cuotas und das Beben, das keiner kommentiert
Chilenisches Spanisch ist das schnellste des Kontinents, an der Kasse wirst du nach der Zahl der Raten gefragt, und abends gibt es kein Abendessen, sondern die once mit Brot und Kuchen. Dazu: warum niemand aufsieht, wenn die Lampen schwingen, was die ClaveÚnica ist, und wo im Süden das deutsche Chile heute noch beginnt.
Chile fühlt sich für Europäer erstaunlich vertraut an. Die Städte funktionieren, die Supermärkte sind voll, das Land ist geordnet, und im Süden stehen Häuser mit Schindeln und Vorgärten, die aus dem Schwarzwald stammen könnten. Genau diese Vertrautheit ist die Falle: Man erwartet, dass alles Weitere auch so ist wie zu Hause — und stolpert dann über die kleinen Dinge.
DAS SPANISCH IST DAS SCHNELLSTE DES KONTINENTS
Wenn du Spanisch gelernt hast und in Santiago aus dem Flugzeug steigst, wirst du im ersten Moment fast nichts verstehen. Das chilenische Spanisch ist schnell, verschluckt die Endsilben, hängt an jeden zweiten Satz ein "po" und ersetzt "¿entiendes?" durch "¿cachái?".
Das gibt sich. Chilenen sind es gewohnt, dass Ausländer sie bitten, langsamer zu sprechen, und sie tun es ohne Herablassung. Nach ein paar Monaten hörst du die Struktur heraus, nach einem Jahr redest du mit.
Was nicht hilft: sich auf Englisch zurückzuziehen. Außerhalb von Hotels, Banken und großen Firmen spricht kaum jemand Englisch. Der Sprachkurs vor Ort ist die beste Investition der ersten Monate.
DIE ONCE — DAS DEUTSCHESTE AN CHILE
Chilenen essen mittags warm, meist zwischen ein und zwei. Am Abend gibt es dann nicht Abendessen, sondern die "once": Tee oder Kaffee, Brot, Avocado, Käse, Schinken, oft Kuchen. Zwischen sechs und neun, im Sitzen, mit Zeit.
Wer eingeladen wird, wird zur once eingeladen, nicht zum Abendessen. Und wer aus Deutschland kommt, findet sich darin schnell wieder — nicht zufällig heißt Kuchen in Chile auch auf Spanisch "kuchen". Brot ist hier Grundnahrungsmittel: Die "marraqueta" und die "hallulla" holt man frisch, und Chile gehört beim Brotverbrauch pro Kopf zu den ersten Ländern der Welt.
BEZAHLEN: DIE FRAGE, DIE DICH JEDES MAL ÜBERRASCHT
An jeder Kasse wirst du gefragt: "¿Débito o crédito?" und danach "¿En cuántas cuotas?" — in wie vielen Raten. Chile lebt auf Kredit, und selbst Beträge, für die man in Deutschland nie einen Ratenkauf erwägen würde, werden in drei, sechs oder zwölf Raten gezahlt, oft zinsfrei.
Du kannst immer "sin cuotas" sagen. Aber du solltest wissen, dass es die Normalfrage ist und keine Zumutung.
Bargeld brauchst du auf den Märkten und in kleinen Läden, sonst wenig. Die Debitkarte funktioniert überall, und die meisten Rechnungen laufen per Lastschrift oder über das Portal der Bank.
OHNE CLAVEÚNICA GEHT NICHTS
Chile ist digital weiter, als man erwartet. Fast jeder Behördengang läuft über ein Portal, und dafür gibt es einen einzigen staatlichen Zugang, die ClaveÚnica. Du bekommst sie beim Registro Civil, sobald du deine Identitätskarte hast.
Damit erledigst du Steuersachen, Anträge, Termine, Bescheinigungen und den Zugang zum Gesundheitssystem. Es lohnt sich, sie an einem der ersten Tage zu holen — sie ist der Schlüssel zu allem, was danach kommt.
Daneben lebt aber die alte Welt weiter: Für erstaunlich viele Dinge braucht man eine eidesstattliche Erklärung vor dem Notar, die "declaración jurada". Notare sind in Chile allgegenwärtig, es gibt sie an jeder größeren Straße, und ein Besuch dauert selten lange.
DIE UMGANGSFORMEN
Man begrüßt sich mit einem Kuss auf die Wange — Frauen untereinander, Frauen und Männer. Männer geben sich die Hand. Das gilt auch beim ersten Kennenlernen und wirkt auf Deutsche zunächst nah; es ist einfach die Norm.
Verabredungen haben eine gewisse Elastizität. Wer zum Essen um acht eingeladen ist, kommt um Viertel nach. Bei Behörden und Ärzten dagegen wird Pünktlichkeit erwartet.
Chilenen sind höflich und eher zurückhaltend, direkter Widerspruch ist unüblich. Ein "vamos viendo" oder "puede ser" ist häufig ein freundliches Nein. Das zu hören dauert eine Weile.
DIE ERDE BEWEGT SICH, UND NIEMAND SAGT ETWAS DAZU
Chile ist eines der seismisch aktivsten Länder der Erde. Kleinere Beben spürst du regelmäßig, und du wirst erleben, dass im Café niemand aufsieht, wenn die Lampen schwingen.
Das ist keine Sorglosigkeit, sondern Gewöhnung — und sie beruht auf einer der strengsten Erdbebenbauordnungen der Welt. Trotzdem gehören ein paar Dinge zur Grundausstattung: Wissen, wo im Haus der sicherste Platz ist. Ein Vorrat an Wasser, Batterien und Bargeld. Und, wenn du an der Küste wohnst, die Kenntnis des Evakuierungswegs — nach einem starken Beben an der Küste geht man auf höheres Gelände, ohne auf eine Sirene zu warten.
Auf dem Handy kommen Warnungen des Katastrophenschutzes automatisch als lauter Alarm an, ohne dass du etwas installieren musst. Es gibt außerdem landesweite Übungen; mach sie mit, sie sind nicht symbolisch gemeint.
SICHERHEIT
Chile gehört zu den sichersten Ländern Lateinamerikas, und schwere Gewalt ist weiterhin selten. Was zugenommen hat, ist der Diebstahl: Taschendiebe in der Metro, Handys, die aus der Hand gerissen werden, aufgebrochene Autos.
Die Regeln sind unspektakulär und wirken: Das Handy bleibt in der Tasche, nicht in der Hand. Wertsachen bleiben nicht sichtbar im Auto. Nachts nimmt man ein registriertes Taxi oder eine App statt zu Fuß durch unbekannte Viertel zu gehen. Und man fragt Nachbarn, welche Straßen abends besser gemieden werden — dieser Rat ist überall auf der Welt der beste.
DIE ENTFERNUNGEN UND DIE ZEIT
Chile ist über 4.000 Kilometer lang. "Mal eben" gibt es hier nicht: Von Santiago nach Puerto Montt sind es mehr als tausend Kilometer, nach Punta Arenas fliegt man.
Zu Deutschland liegen vier bis sechs Stunden Unterschied, je nach Sommerzeit auf beiden Seiten — Chile stellt im September auf Sommerzeit um und im April zurück, die Region Magallanes ganz im Süden gar nicht. Für Telefonate mit den Kindern heißt das: Der chilenische Vormittag ist der deutsche Nachmittag.
DAS DEUTSCHE CHILE
Und das ist für viele der eigentliche Grund, dieses Land zu wählen. Zwischen Valdivia, Osorno, Puerto Varas, Frutillar und Puerto Montt liegt die Region, in die ab 1850 deutsche Siedler kamen. Es gibt dort deutsche Schulen, Feuerwehren, Vereine, Chöre, Kuchen im Café und Ortsnamen, die keiner Übersetzung bedürfen.
Man sollte sich davon nicht zu viel versprechen — die Nachfahren sprechen längst Spanisch, und ein deutsches Dorf findest du dort nicht. Aber es gibt ein Netz aus deutsch-chilenischen Vereinen und Gemeinden, das Neuankömmlingen offensteht, und in Santiago eine große deutschsprachige Gemeinschaft mit Kirchengemeinden, Klubs und Stammtischen.
Wer im Ausland Anschluss sucht, findet ihn selten von allein zu Hause. Er findet ihn über eine Tätigkeit: ein Chor, ein Verein, ein Kurs, die Nachbarschaftsversammlung im Viertel, die "junta de vecinos". Genau diese Nachbarschaftsvereine stellen dir übrigens die Wohnsitzbescheinigung aus, die du für einige Behördengänge brauchst — ein guter Grund, gleich in der ersten Woche hinzugehen.
DER 18. SEPTEMBER
Ein Datum solltest du dir merken. Um den 18. September feiert Chile seine Unabhängigkeit, die "Fiestas Patrias", und das ist kein Feiertag wie andere: eine Woche lang Empanadas, Cueca, Grillfeuer und geschlossene Behörden.
Wer in dieser Zeit etwas Amtliches erledigen will, hat sich den falschen Monat ausgesucht. Wer eingeladen wird, sollte hingehen — es gibt keinen besseren Tag, um in Chile anzukommen.